Digitalisierung

Gendern nervt? Uns nicht mehr.

Die eigene Sichtweise kritisch hinterfragen - immer gut! Vor allem, wenn die Erkenntnis ist: Wir haben es uns zu bequem gemacht. So ging es uns beim Thema "Gendern". Mit Gendersternchen und Gendergap haben wir lange gefremdelt und damit unseren Blick verengt. Ein Gespräch mit Michael Martens von fairlanguage.

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Michael, du setzt dich für eine gerechte Sprache ein. Wir fragen uns, ob Sprache gerecht sein kann ...

Für mich geht es um den Anspruch, sich Gedanken zu machen und bewusst mit Sprache zu arbeiten. Es geht darum, Vorurteile abzubauen, alle Menschen anzusprechen. Vielfalt sichtbar zu machen und in der Kommunikation zu berücksichtigen. Das alles steckt für mich im Begriff „gerecht“. Und da es sich eher um ein Bestreben nach gerechterer Kommunikation handelt als um den perfekten Sprachgebrauch ist dies wohl nie wirklich vorbei oder endgültig erreicht. Zudem sollten wir auch nicht vergessen, dass unsere Sprache ja auch schon eine Geschichte hat, die wir nicht einfach ungeschehen machen können.

Kannst du für den letzten Punkt ein Beispiel bringen?

Ich meine damit zum Beispiel die Tatsache, dass Frauen und nicht-binäre Menschen in der Vergangenheit wenig Sichtbarkeit in der Sprache erfahren haben. Und das natürlich Effekte hat, die nicht einfach direkt komplett verschwinden, wenn wir nun einen Genderstern oder den Gendergap verwenden.  
Oder auch Fremdbezeichnungen, wie das Z-Wort, welches von Roma schon lange abgelehnt wird. Wir, als Gesellschaft, können – und sollten! – da natürlich unseren Sprachgebrauch ändern. Aber wir sollten uns nicht einbilden, so Verletzungen und Verbrechen einfach ungeschehen zu machen.


Die Geschichte der Sprache wandelt sich gerade, das sieht man zum Beispiel daran, dass der Duden die Personenbezeichnungen geändert hat - nun gibt es neben dem Eintrag Arzt zum Beispiel auch den Eintrag Ärztin ...

Ja, es tut sich viel. Das Spannende ist: Unsere Sprache spiegelt die gesellschaftlichen Entwicklungen wider. Und ich nehme – auch wenn es sich manchmal zäh anfühlt – eine Entwicklung hin zu einer inklusiveren, vielfältigeren Gesellschaft wahr. Entsprechend gewinnt auch gendergerechte Kommunikation zunehmend an Bedeutung. Für viele Menschen ist sie schon gelebte Realität, noch mehr machen sich gerade erst neugierig auf den Weg. Und auch Organisationen sowie Medien müssen natürlich schauen, wie sie sich zu diesem „Sprachgesellschaftlichen Wandel“ positionieren. Voller Elan mitgehen? Vorsichtig auf 1-2 Kanälen ausprobieren? Oder nichts tun und eventuell den Anschluss verlieren?


Mit diesen Fragen beschäftigen wir uns natürlich auch bei Textwende. Und ganz ehrlich: Wir mussten erkennen, dass wir uns beim Thema "Gendergerechte Sprache" wie "alte weiße Frauen" verhalten haben. Denn unsere Haltung war viele Jahre: Gendern nervt!

Als wir uns vor über zwanzig Jahren selbstständig gemacht haben, mussten wir uns Sätze wie "Das trauen Sie sich als Frauen zu?" oder "Suchen Sie sich doch einen Mann, der Sie finanziert" anhören. Klar hat uns das geärgert, doch damals gab es noch kein gesellschaftliches Bewusstsein für das, was hinter diesen Aussagen steckte. Wir haben damals unser Ding gemacht, waren erfolgreich und als die Debatte um eine gerechte Sprache aufkam, schien uns das viel zu kompliziert.

Doch inzwischen ist uns klar geworden: Das Gendern hat mit dazu beigetragen, dass Sätze wie wir sie damals hören mussten, heute seltener geworden sind und dass da, wo sie fallen, Gegenwehr entsteht. Und das ist gut! Manches ist uns zu klein-klein, aber das gehört wahrscheinlich dazu. Welche "Ungerechtigkeiten" verzeihst du im Text?

Vorweg: Als weißer, dyadischer cis Mann in Deutschland mit all meinen Privilegien werde ich selbst nie sprachlich ungerecht behandelt. Von daher ist es nicht wirklich an mir zu „verzeihen“. Als Ally ist mir wichtig, dass die Intentionen stimmen. Fehler oder Ungerechtigkeiten können passieren, das müssen wir uns schon zugestehen. Wenn ich dann Feedback bekomme, dass etwas nicht gepasst oder sogar verletzt hat, ist es wichtig zuzuhören und zu versuchen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Was gar nicht geht, ist Menschen bewusst durch Sprache zu verletzen. Zum Beispiel durch das absichtliche Benutzen falscher Pronomen, auch misgendering genannt.

Du benutzt zwei Adjektive, die vielleicht einer Erklärung bedürfen: Als dyadisch werden Menschen bezeichnet, deren Körper in eine eindeutige medizinische Norm von männlichen bzw. weiblichen Körpern passen. "Cis" bezeichnet die Übereinstimmung von Geschlechtsidentität und dem Geschlecht, das einer Person bei der Geburt zugewiesen wurde. Wir geben zu: Wir haben beide Begriffe nachgeschlagen :-).  Welcher Tipp aus deinen Trainings kommt am besten bei den Teilnehmenden an?

Zwar kein Tipp, aber unglaublich geschätzt: Wir beleuchten immer die Hintergründe. Zeigen die Wirkung von Sprache auf und beschäftigen uns mit Geschlechtervielfalt. Das ist unserer Erfahrung nach entscheidend, um die Leute mitzunehmen. Wenn Menschen das „Warum“ verstehen, sind sie motiviert, selbst kreative Lösungen zu finden und trauen sich, auch mal einen Genderstern zu verwenden.

 

 

Michael Martens ist Mitgründer des Startups Fairlanguage. Er berät Unternehmen und Verwaltungen rund um die Themen Sichtbarkeit von Frauen und weiteren Geschlechtern sowie geschlechtergerechte Sprache. Zudem ist er bei Fairlanguage verantwortlich für die digitale Produktentwicklung und Business Development.
 

Wie geht ihr mit dem Thema um? Und vor allem: Welche Reaktionen erhaltet ihr? Schreibt uns - hier im Blog, auf Facebook. Twitter oder LinkedIn.

Sabine Krippl und Ania Dornheim

führen gemeinsam die Agentur Textwende. Sie unterstützen Unternehmen mit Strategien, Tools, Trainings und Texten. Unser Motto: Gewinne schreiben! Mehr Reaktionen - mehr Zeit - mehr Anerkennung.

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