Textfreigabe

Wie Sie Texte kritisieren, ohne dass sich die Verfasser auf den Schlips getreten fühlen [Mit Infografik]

Das gesprochene Wort ist flüchtig. Im persönlichen Gespräch können wir uns bei Kritik deshalb leicht herausreden: „Das habe ich nicht gesagt." Ganz anders beim geschriebenen Wort. Der Autor hat sich viel Mühe gegeben. Bei Kritik fühlen sich die meisten Autoren deshalb schnell angegriffen.

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Ich möchte nicht wissen, wie viel Stunden täglich in Unternehmen über Formulierungen diskutiert wird –  bei Flyern, Angeboten, Konzepten, Briefen, E-Mails, Webtexten oder Präsentationen. Und wie viel Nerven alle Beteiligten bei diesen Diskussionen lassen! Teilnehmer in unseren Seminaren berichten zu Beginn immer wieder davon. 

Mit diesen Tipps finden Sie schneller einen gemeinsamen Standpunkt und steigern die Qualität der Texte deutlich:

 

1. Sich gemeinsam in den Empfänger versetzen

Klären Sie das Ziel des Textes – noch bevor Sie auf den Text schauen: Warum gibt es diesen Text? Was soll der Empfänger tun? Was soll er denken? Finden Sie gemeinsam eine Antwort.

Beispiele:

Wir informieren den Kunden über unsere neuen Preise:
Der Kunde soll diese akzeptieren. 
.. und uns trotz Preiserhöhung als den richtigen Anbieter/Partner betrachten.


Wir laden den Kunden zu einem Event ein:
Der Kunde soll neugierig werden und sich anmelden
und anderen begeistert davon erzählen

 

Wir informieren unsere Mitarbeiter im Intranet über eine neue Technik:
Die Mitarbeiter sollen diese aktiv nutzen.
… und sich bei Fragen an Herrn Muster wenden.

 

Warum ist es wichtig, sich dieser Ziele bewusst zu werden?
Beim Lesen und Prüfen eines Textes betrachtet jeder den Text unbewusst aus der eigenen Perspektive. Und diese kann sehr unterschiedlich sein: Mitarbeiter aus Fachabteilungen wollen sich zum Beispiel oft absichern, Führungskräfte belehren gern und das Marketing will kreativ und pfiffig wirken.

Kein Wunder, dass die Meinungen über einen Text auseinandergehen. Mit der Zieldefinition schaffen Sie eine gemeinsame Grundlage für die Analyse. Sie versachlichen das Gespräch und können nun gezielt Fragen stellen: An welchen Stellen im Text informieren wir den Kunden? Wo erzählen wir etwas, was ihn nicht interessiert? Welchen Beweis liefern wir, dass wir die Richtigen sind? Ist unsere Aussage für den Empfänger glaubwürdig?

 

2. Begründen Sie Ihre Kritik – oder schweigen Sie

Wer einen Text schreibt, macht sich viele Gedanken. Es ist harte Arbeit, auf den Punkt zu formulieren, ein Thema spannend zu erzählen und dabei kompetent zu wirken. Viele Autoren sind sehr selbstkritisch – vor allem, wenn Schreiben nicht ihre Hauptaufgabe ist.

Viele empfinden Kritik an ihren Texten deshalb als einen persönlichen Vorwurf. Sie haben das Gefühl „es nicht gut genug" gemacht zu haben.

Vermeiden Sie deshalb Äußerungen wie:

 „Das gefällt mir nicht.“
„Das klingt irgendwie ...“
„Das schreibt man heute nicht mehr.“
„Das geht gar nicht.“

In anderen Situationen sind wir viel empathischer: 
Stellen Sie sich vor, Sie würden für Ihre Kolleginnen und Kollegen backen, obwohl sie nicht besonders viel Erfahrung damit haben. Sie geben sich viel Mühe, sind mit dem Ergebnis allerdings nicht ganz zufrieden. Der Kuchen hätte höher kommen und der Guss glatter sein können. Sie präsentieren ihr Werk mit einem schiefen Grinsen. 
Niemand im Raum wird rufen: Der sieht aber nicht gut aus“ Oder: Wer soll das Ding denn essen?

Bei Texten vergessen wir hingegen oft, dass sie ein persönliches Werk sind. Dabei ist uns der Autor für sachliche und logische Hinweise meist sehr dankbar. 

Formulieren Sie Ihre Kritik deshalb immer aus der Empfänger-Sicht (Sie können auch die gemeinsamen Ziele heranziehen)

Versteht jeder Kunde diesen Satz? Ich bin mir nicht sicher.  

Erlebt unser Kunde uns im persönlichen Gespräch so? Oder sind wir dort nicht herzlicher?

Der Empfänger fragt sich an dieser Stelle vielleicht …

In unserer Werbung vermitteln wir …  der Satz hier widerspricht dem, oder?

Haben Sie keine logische Erklärung für Ihre Kritik, schweigen sie. Oder äußern Sie Ihre Zweifel selbstkritisch: „Ich weiß nicht warum, ich über diesen Satz stolpere. Können wir ihn einfacher formulieren?“

 

3. Konzentrieren Sie sich auf das Wesentliche

Viele Diskussionen drehen sich um Formulierungen, die der Empfänger vermutlich gar nicht wahrnimmt. Denn Texte werden heute meist nur flüchtig gelesen. Der Leser will einen Nutzen erleben, will ohne Arbeit das „Wichtigste“ aus einem Text ziehen.

Prüfen Sie deshalb den Titel bzw. den Betreff, die Zwischenüberschriften und die Absatzanfänge genau. Was sieht und erfährt der Empfänger, wenn er über den Text fliegt? Wie spannend sind für ihn die ersten vier bis fünf Wörter jedes Absatzes? Es lohnt sich, mit dem Autor des Textes über diese Fragen zu diskutieren.

Ob jedoch das Wörtchen „recht“ im zweiten Satz des dritten Absatzes nun ein Füllwort ist oder nicht – wen interessiert´s? Wer bis dahin gelesen hat, akzeptiert auch dieses Wörtchen.  
Über diese Dinge zu diskutieren, verbraucht zu viel Energie. Sie machen sich und Ihren Kollegen das Leben schwerer als es ist.

 

Über die Autorin:

Ania Dornheim, Kommunikationsberaterin, Texterin und Trainerin.
Das Thema "Über Texte sprechen können" liegt ihr sehr am Herzen. Denn nach über zwanzig Jahren im Geschäft weiß sie: Für viele Mitarbeiter sind die Absprachen über Texte viel anstrengender als das Texten selbst.

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